SIBIRISCHER SCHAMANISMUS. Die Begegnung. Die Hütte des Schamanen

An einem wunderschönen Bergsee gelegen, in dessen ungetrübtem Wasser sich der blaue Nebel und die majestätischen weißen Berggipfel widerspiegelten, ähnelte sie einer sechseckigen Pyramide, die aus den Stämmen junger Laubbäume gemacht war, welche sich wiederum auf einen Pfahl in der Mitte der Behausung stützten. Dieser Pfahl verkörperte quasi das Fundament des Weltalls. Der Tschaadyr war von außen mit großen Stücken aus Baumrinde und Hirschhäuten versehen, wobei deren Pelzseite nach innen gewendet war.

„In so einem Haus wird es einem so schnell nicht kalt“, dachte Saosch Jant, „und zu heiß wird es einem auch nicht, egal welches Wetter herrscht. Unsere Vorfahren wussten schon, wie man richtig baut!“

Oben wies der Tschaadyr eine kleine Öffnung auf, aus der graue Dampfwolken herausströmten. „Dann muss wohl jemand zu Hause sein“, dachte sich Saosch Jant erleichtert und wischte sich den Schweiß von der Stirn, „Und ich bin wohl noch rechtzeitig gekommen“. Er wusste nicht, ob er seinen Augen trauen konnte, ging näher an die Hütte heran und berührte das weiche Leder, das sich äußerst angenehm anfühlte.

„Dann hab’ ich’s also endlich geschafft!“, wollte sich unser Held fast denken, als sich plötzlich unerwartet der Vorhang des Tschums öffnete und Kudai Kam herauskam. Seine Haare und sein Bart waren mit Raureif bedeckt. Sein Gesicht aber, das mit den klaren, gleichmäßigen Linien seines Bartes bedeckt war, schien äußerst lebhaft und aktiv. Auf den ersten Blick konnte man kaum sagen, wie alt er gewesen wäre. Man hätte glauben können, er sei um die hundert Jahre alt. Seine Bewegungen und Gestik waren aber so frisch und schwungvoll wie bei einem Jugendlichen. Und dann dieser Blick…! Dieser Blick…! Durchdringend, klar, als könne er durch einen hindurchsehen. Wie Röntgenstrahlen. Gleichzeitig aber auch freundlich, verständnisvoll und weise. Saosch Jant verlor sich jedes Mal in diesem wundersamen Blick. Und er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

An diesem Tage war Kudai Kam mit einem leichten Pelzüberwurf und leichten Hausschuhen bekleidet. „Hast du’s geschafft?“, fragte er, als er Saosch Jant mit seinem wundersam aufrichtigen Lächeln begegnete.

Saosch schaute ihm in seine durchdringenden schwarzen Augen:

„Ja, ich hab’s geschafft.“, sagte er völlig außer Atem.

„Dann komm mal rein.“

Kudai Kam hielt ihm freundlich den Vorhang hoch. „Geh du schon mal rein, ich muss gerade nochmal kurz raus.“

Saosch Jant begab sich ins Innere des Tschaadyrs. Und er tauchte gleichsam sofort in eine völlig andere Welt ein. Inmitten des Tschaadyrs brannte, umgeben von weichen Steinen, eine Feuerstelle. Seine Flammen umspielten sanft einen Kessel, in dem herrlich duftender Tee kochte. Der Dampf zog vom Herd nach oben, streifte eine Leine, an der allerlei Kräuter, Wurzeln, Pilze und Dörrfleisch hingen, und über die Öffnung hinaus ins Freie über der Hütte.

„Sie mal einer an!“, dachte sich Saosch, „Eine ganz schön ausgeklügelte Konstruktion! Die ganze Luft zieht nach oben. Kein Rauch und kein Dunst, nur Wärme und Behaglichkeit!“

Er sah sich die Behausung an und war erstaunt, wie derartig klug und harmonisch alles in ihr ausgerichtet war. Der Eingang zeigte gen Osten, als Zeichen dafür, dass alles aus der Ewigkeit kommt, aus der Welt des weisen, erhabenen und entrückten Gottes Tengri. An der süd-östlichen Seite hing ein Zaumzeug.

 

„Als wäre es aus dem unendlichen Fundus von Tengri-Khan hierhergebracht worden und hier geblieben“, dachte Saosch Jant. „Es heißt ja, dass man von da nicht so schnell zurückkehrt. Tja, dann wird es wohl besser sein, es sich bequem zu machen und die Gastfreundschaft zu genießen!“

In der südlichen, männlichen Seite des Tschaadyrs, über die der lustige, lebensfrohe, kreative und wohlwollende Gott Ulgen wachte, sowie auch in der südwestlichen Seite standen unten Truhen mit diversem Hab und Gut und oben auf den Regalen diverse Schatullen.

„Ach, wenn man doch nur mal hineingucken könnte“, kam es Saosch blitzartig wie ein Floh ins Ohr. „Wahrscheinlich sind da alle möglichen magischen Gegenstände versteckt! Und jeder davon kann irgendetwas Besonderes und hilft seinem Besitzer irgendwie weiter.“

Im selben Augenblick aber ermahnte er sich: „Hörst du wohl auf! Schämst du dich denn gar nicht? Das sind schließlich heilige Gegenstände, die eine große Macht haben. Das ist nicht einfach irgendein Nippes, das sind Werkzeuge des Schamanen. Die Zeit wird kommen, dass man dir zeigt, wie man sie benutzt. Bis dahin aber sei still und übe dich in Geduld!“

Sein Blick zog weiter in die hintere Ecke der Jurte, in die südwestliche Seite, wo er eine regelrechte schamanische Ikonostase erblickte. Auf ihr befanden sich diverse schamanische Mandalas, die symbolisch für die ganze Weltordnung standen. Saosch Jant verneigte sich ehrfürchtig vor ihnen.

„Das sind ja schamanische Ikonen!“, dachte er eingeschüchtert vor Ehrfurcht. „Ich habe schon oft von ihnen gehört, und jetzt sehe ich zum ersten Mal welche mit eigenen Augen! In diesen Abbildungen spiegelt sich unsere ganze Welt, das ganze Universum wider!“

Sein Blick fiel auch flüchtig auf eine Flinte, die nicht weit von den Ikonen stand. „Als würde sie das Heiligtum vor ungebetenen Gästen und bösen Geistern bewachen“, führte er seine Gedanken fort, „ich muss hier besser aufpassen.“

Dann zog sein Blick in die westliche Seite, wo er ein Bett sah, dessen Oberfläche mit einem Bärenfell bezogen war. Es war der Ehrenplatz des Hausherrn.

„Der westliche Teil der Hütte, der der gesprächigen, umtriebigen und gutmütigen Umaj gehört“, dachte er, „Das ist die Welt der Gegenwart. Hier, so habe ich gehört, befinde sich der Ehrenplatz des Hausherrn. Hier werden auch neue Kinder gezeugt. Kein Wunder, schließlich steht die Göttin Umaj ja auch für Fruchtbarkeit. Aber wieviel Kinder hat Kudai Kam eigentlich? Davon hat er mir ja noch gar nichts erzählt!“

Schon im nächsten Augenblick aber schämte er sich. „Hör auf damit! Du solltest dich was schämen!“, ermahnte er sich.

„Aber was ist denn schon dabei? Jeder Mensch hat doch schließlich Kinder“, dachte er sich schon im nächsten Moment. „So eine Frage ist doch völlig harmlos! Und außerdem ist Kudaj Kam ja wohl ein großer Mann, oder etwa nicht?“

„Nein, hör auf damit! Steck deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen!“

„Es würde mich aber schon mal interessieren, wie der so mit Frauen umgeht… wer weiß?“

So standen in ihm zwei Seiten im Widerstreit: die eine ungestüm neugierig, die andere schüchtern und schamhaft.

So ging es immer weiter, bis sein Blick in den Norden und Nordosten des Tschums fiel, in die weibliche Seite der Hütte, den Ort, über den Erlik wachte. Saosch Jant sah dort Geschirr in den Regalen, Töpfe und allerlei anderer Hausrat.

„Das ist äußerst gleichnishaft“, dachte er, „schließlich steht Erlik für die Erinnerung an das Vergangene. Frauen leben im Grunde genommen über Ihre Erinnerungen und das zuvor angeeigneten Wissen. Und über die Erinnerungen gebietet in unserer Welt Erlik. Zu ihm gehen alle Dinge, Ereignisse und Erscheinungen des Lebens. Zu ihm gehen auch unsere Erinnerungen und alles, was damit verbunden ist. Alle Träume, Hoffnungen und Wünsche. Irgendwann werde auch ich dahin gehen…“

Er schlug sich diese traurigen Gedanken wieder etwas aus dem Kopf und schaute sich wieder den Hausrat an.

„Aber andererseits können wir ohne das alles schlicht und einfach nicht leben“, fuhr er fort, „Denn ohne Erinnerungen gibt es keine Wurzeln. Und ohne Wurzeln vergeht der Baum unseres Lebens. Wir brauchen diese Welt des Vergangenen ja auch unbedingt. Wenn nämlich alles, was auf dieser Erde entsteht und auftaucht, auf ihr bleiben würde, dann hätten wir hier ja gar keinen Platz mehr!“

Er schmunzelte etwas bei der Vorstellung, dass alle Dinge, Gegenstände, Menschen, Tiere und Gott weiß was übereinandergestapelt wären wie in einer überfüllten Rumpelkammer. Für niemanden war da mehr Platz, und nirgendwo konnte man sich ausstrecken.

„Das wäre ja wie in einer überfüllten Straßenbahn am Wochenende“, lachte er. – „Lassen Sie mich durch! Ich muss hier aussteigen!“ – „Aber was drängeln Sie denn so?“ – „Sie sollen mich durchlassen!“ – „Sie tun mir ja weh!“- „Jetzt geh mir schon aus dem Weg!“ – „Depp!“ – „Selber Depp!“- „Blöder Hanswurst!“ – „Hau doch ab!“…So würde das auf unserer Welt aussehen, wenn Erlik nicht wäre!“

Er dachte ein wenig nach, und dann kam ihm noch ein weiteres lustiges Bild in den Sinn, nämlich dass alle Dinge vor lauter Enge miteinander verwachsen wären. Ihre Oberfläche weichten auf vor lauter Druck, und die Materie verschmolz miteinander. Am Ende gab es nur noch eine einzige sinn- und farblose Masse, und alles, was in diese Welt aus der Zukunft, von Ulgen her kam, musste unausweichlich in dieses Durcheinander fallen.

„Brrr!“, schüttelte er sich wie ein nasser Hund, „Nein! Es ist schon gut so, dass es Erlik gibt! Er reinigt diese Welt! Mächtig und weise, wie er ist!“

Er lenkte seinen Blick noch einmal über den ganzen Innenraum und dachte sich: „Wie harmonisch doch hier alles eingerichtet ist! Alles ist stets zur Hand und nicht weit entfernt, und alles ist an seinem Platz. Eine Ordnung, die über die Jahrhunderte entstanden ist und die nie gestört wurde. Alles hat seinen gebührenden Platz. Aber wie sehr hat sich der Mensch von heute davon entfernt! Und gleichzeitig ist diese Behausung auch deshalb so praktisch, weil man sie jederzeit zusammenpacken und mitnehmen kann. Man ist nicht an einen einzigen Ort gebunden. Jederzeit kann man dorthin gehen, wo man hingehen muss. Und der heutige Mensch? Sein GANZES LEBEN steckt er darin hinein, eine einzige Wohnung zu kaufen, nimmt dafür einen Kredit bei irgendeinem Geldhai auf und wundert sich dann, was so alles auf dieser Erde und in seinem Land passieren kann. Die eigenen Verwandten könnten ihm die Wohnung abluchsen. Oder schlimmer noch, die eigenen Kinder lassen ihn verhungern, schicken ihn in eine psychiatrische Anstalt und entmündigen ihn. Es kann Krieg geben, das Haus könnte einstürzen, oder überschwemmt werden. Alles Mögliche kann passieren. Und dann lebt man sein ganzes Leben lang in derselben miefigen, höllischen Kleinstadt. Und wozu das Ganze? Etwa nur, um sich eine einzige kleine Wabe in einem von hunderten Bienenstöcken leisten zu können? Sein ganzes Leben lang sieht er nicht einmal die Sonne aufgehen, hört nicht einmal das Plätschern eines Baches und atmet nicht einmal den Geruch von frischem Gras. Sein ganzes Leben verbringt er nur als Bürosklave und gehorsames Arbeitstier zu, nur um dann im Gegenzug Alter, Krankheit, Hilflosigkeit und Tod zu erhalten. NEIN! Unsere Vorfahren haben wesentlich besser gelebt. Sie waren um Einiges klüger als wir!“

Seine Gedanken wurden jäh von der Stimme Kudai Kams unterbrochen:

„Na, hast du dich umgesehen?“, drang es auf ihn ein.

„Ja, ich habe mich etwas umgesehen,“ antwortete Saosch leicht erschrocken, „Du hast mich ja schließlich zum ersten Mal in deine Hütte gelassen.“

  • „Es ist Zeit“, sagte Kudai Kam und schaute den jungen Mann erneut mit seinem durchdringenden Blick an, von dem ihm irgendwie unheimlich wurde, „Du bist wohl müde von deiner Reise. Setz dich ruhig etwas näher ans Feuer. Iss etwas. Und später am Abend werde ich uns ein schönes Schwitzbad anheizen.“

 

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