SIBIRISCHER SCHAMANISMUS. Saoschs Begegnung mit der Prinzessin

SIBIRISCHER SCHAMANISMUS

Saosch Jant brachte sich lange in Trance, wobei er den Rhythmus immer wieder anpasste. Er drehte sich zur einen Seite hin – aber es war nicht die richtige! Dann zur anderen – und wieder passte es nicht! Dann änderte er die Schlagfrequenz, und wieder daneben! Wieviel Zeit verging, vermochte er selbst kaum zu sagen. Nur die Rauchfahne, die sich von der Feuerstelle erhob, wurde immer dünner und gleichmäßiger.

„Stimmt, die Sonne muss schon untergegangen sein“, dachte Saosch Jant, „Es ist kühler geworden, und die unersättliche Kälte, die um den Tschum herum wacht, wird immer ungeduldiger und dürstet danach, sich die Wärme unter den Nagel zu reißen, die vom Feuer ausgeht. Es ist also draußen schon Nacht.“

So dachte Saosch Jant, während er sich unter den hallenden und schallenden Klängen des Tamburins immer mehr in Trance brachte.

Plötzlich aber kam um ihn herum etwas wie ein Wirbelwind auf: es war der Geist der Trommel, der Hirsch Tyn Bura, aus dessen Haut die Trommel gemacht war, und er kam aus ihr heraus, zeigte sich ihm in seiner vollen Pracht, breitete sein mächtiges Geweih aus und erhob stolz das Haupt. Wortlos blickte er dem jungen Mann mit tiefem, durchdringenden Blick in die Augen, als wollte er ihn dazu einladen, ihm zu folgen. Jener tat ein paar unsichere Schritte und begriff schon in der nächsten Sekunde, dass er dem Hirsch hinterherflog und dieser ihn ins Reich der Schatten zog. Frei und schwerelos wie der Rauch von der Feuerstelle flog er durch die Rauchöffnung hindurch aus dem Tschaadyr heraus. Er sah den unbewölkten, sternenklaren Himmel, der sich wie eine glatte Leinwand über die unendlichen Weiten zog, und die Milchstraße, die sich von einem Ende zum anderen erstrecken mochte. Milliarden von Sternen, die vom Himmel herab mit ihren strahlenden Augen auf die Erde blickten, verschmolzen zu einer unendlich weiten und ewigen Symphonie des Lichts.

„Mensch! Ist das unglaublich schön!“, schäumte Saosch Jant fast über vor Freude, „Das ich sowas mal erleben darf!“

Und im nächsten Augenblick fand er sich neben einer riesenhaften, schönen und stattlichen Frau wieder.

„Wer mag das bloß sein?“, fragte er sich in Gedanken.

Und gleichzeitig WUSSTE er es genau, dass vor ihm die altaische Prinzessin höchstpersönlich stand.

„Ist sie es etwa wirklich?“ Und schon kam ihm die Antwort wie aus der Pistole geschossen ins Bewusstsein: „Sie ist es wirklich!“

Saosch blickte in ihre unendlich tiefen Augen und fühlte, wie er förmlichh in ihrem durchdringenden, unerschütterlichen Blick versank.

„Wie schön sie ist!“, dachte er, während er am ganzen Leibe bebte. Und im nächsten Augenblick ging ihm ein kühner Gedanke durch den Sinn:

„So eine Freundin hätte ich auch gerne!“

Aber schon im nächsten Augenblick wurde er hochrot vor Scham. „Hörst du wohl sofort auf! Schämst du dich denn gar nicht?“, ermahnte er sich, „Du hast wohl vergessen, wen du vor dir hast! Und da wagst du es, sowas zu denken?“.

Die Prinzessin aber schaute ihn nur schweigend an, und es schien, als ob sie durch ihn hindurchblicken würde. Ja, tatsächlich! Sie durchschaute ihn in jeder Hinsicht. Und all diese Gedanken beunruhigten sie nicht im Geringsten. Sie schien in ihrer Erhabenheit über all dieser weltlichen Eitelkeit und Leidenschaft zu schweben. Ihr Blick war bezaubernd und desillusionierend zugleich.

Saosch atmete tief ein, dann wieder aus und machte gleichsam einen kleinen Sprung zurück. Und das half ihm schon sehr. Schon im nächsten Moment wanderte sein Blick über das Gewand der Prinzessin. Ihr Kopf war mit einer hohen und gleichzeitig sehr schlanken Haube bedeckt. Hinter ihrem Kopfputz war ein horizontaler Halbmond angebracht, der mit türkisfarbenen Quasten verziert war, als Zeichen ewiger Weiblichkeit, Schönheit und unerschöpflicher weiblicher, lunarer Energie. Ihre zwei stramm geflochtenen schwarzen Zöpfe waren zu beiden Seiten des Kopfes zu Spiralen gedreht.

„Stimmt ja, sie war ja verheiratet“, dachte Saosch, „Bei uns ist das ja so üblich: die Unverheirateten tragen einen Zopf, der hinten zusammengeflochten ist. Und sobald eine Frau heiratet, flicht sie sich zwei Zöpfe. Aber mit wem war sie eigentlich verheiratet?“

Und in derselben Sekunde ermahnte sich der junge Mann wieder:

„Hörst du wohl auf! Schämst du dich gar nicht? Was kümmert es dich, mit wem sie verheiratet war und mit wem nicht? Ist dir das nicht völlig egal? Du warst es nicht, und damit aus!“

Wie benommen stand Saosch einige Zeit lang da. Dann gewann wieder der vorige Teil seines Bewusstseins die Überhand.

„Aber irgendwie ist das doch eine interessante Frage. Ich meine, wenn sie so ist, wie muss dann erst ihr Mann gewesen sein? Dann muss er ja auch ein unheimlich schön, stark und mächtig gewesen sein. Ganz wie sie selbst… Wenn man doch nur einen einzigen Tag an seiner Stelle und an ihrer Seite sein könnte!“

Und fast in derselben Sekunde schaltete sich wieder der andere Teil ein:

„Du solltest mal besser still sein! Sieh dich doch an! Wer bist du denn schon? Bildest du dir etwa ein, die wäre was für dich? Das glaubst du doch wohl selber nicht!“

So stritten sich in ihm zwei völlig entgegengesetzte Teile seiner Persönlichkeit. Hätte Saosch all das laut ausgesprochen, hätte man fast meinen können, er sei verrückt geworden. Aber er war ja auch tatsächlich kurz davor, verrückt zu werden, vor all der Schönheit, Erhabenheit und Ausstrahlung, die von dieser wundersamen Frau ausgingen. Sein Blick fing unfreiwillig an, über ihr Gewand zu wandern und jedes noch so kleine Detail auszumachen.

Sie war mit einem langen, grauen Kaftan bekleidet, der entlang des Saums, der Ärmel und des Kragens mit wunderlichen, fremdartigen Ornamenten bestickt war. Die scharlachroten Stickereien, deren Umrisse mit Gold umrandet waren, harmonierten ganz wunderbar mit dem Grundton des Kleides. Der bodenlange graue Rock war ebenfalls mit einer solchen Verzierung versehen. Unter dem Kaftan schauten lange, blendend weiße Ärmel hervor, die für die Reinheit und Lauterkeit ihrer Gedanken standen. Ob die Handgelenke, die mit Armbändern versehen waren oder die mit goldenen Ringe verzierten Finger, alles passte ganz wunderbar und harmonisch zusammen. All das ergab ein Bild der Erhabenheit, Schönheit und Weiblichkeit.

„Wie alt sie wohl sein mag?“, fragte sich Saosch erneut, „Rein äußerlich sieht sie ziemlich jung aus. Nicht älter als 19. Aber sie ist geistig sehr stark. Untypisch für so ein Alter. Man könnte sie fast für 30 halten. Und dieser Blick! Oh, Gott!“

Er konnte kaum einen Augenblick so denken, als sie ihn auch schon aufmerksam mit ihrem tiefgründigen, magischen Blick streifte und dieser ihn gleichsam durchfuhr wie ein Stromschlag. Wie hypnotisiert stand er da und schaute sie an, nicht in der Lage sich auch nur ansatzweise zu rühren oder ein einziges Wort hervorzubringen. Sie streckte ihre rechte Hand aus, und wider Erwarten erschien auf ihr eine türkisfarbene Gebetskette. Von ihr ging ein strahlendes, helles Licht aus, das unseren Helden sogar etwas blendete.

„Nein, Nein, so geht das nicht!“, kam es ihm in den Sinn, „Tu lieber einfach das, was sie dir sagt!“.

Saosch Jant verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor der Prinzessin und nahm das Geschenk mit beiden Händen an.

  • „Na bitte, so ist es schon besser“, sprach die Prinzessin nachsichtig aus.
  • „Und was soll ich damit tun?“, fragte er unsicher.

 

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